Samstag, 19. April 2014

Wenn der Tod kommt

Als Zivildienstleistender in der Altenpflege hatte ich es mit vielen Patienten zu tun. Wie in einem Krankenhaus kommen und gehen die Menschen. In einem Altenheim gibt es allerdings einen gravierenden Unterschied: Niemand verlässt uns lebend. Der Tod ist nie gleich, weder für die Patienten noch für das Personal. Der Tod kommt schnell, der Tod kommt langsam. Manchmal ersehnst du ihn dir, manchmal überrascht er dich. Da gab es zum Beispiel eine Frau, die mit einem Dekubitus eingeliefert wurde. Ihr ganzer Rücken war eine einzige, offene und übelriechende Wunde. Vier Wochen hat dieser Mensch Tag und Nacht die Station zusammen geschrien, bis sie endlich von ihren Qualen erlöst war. Wir alle waren erleichtert, als es vorbei war, aber wir mussten lange warten. Jeder von uns hätte ihr gerne das Kissen aufs Gesicht gedrückt, aber wir sind nicht der Tod. Der Tod muss kommen.
Ein anderes Mal habe ich einen alten Herrn vom Speisesaal, wo es das Abendessen gegeben hatte, zu seinem Zimmer begleitet. Ich sagte ihm, er solle sich schon mal hinlegen, ich käme später zu ihm zurück, um ihm beim Ausziehen zu helfen und ihn ins Bett zu bringen. Dann ging ich in die Küche, um beim Einräumen der Spülmaschine zu helfen und die Tische im Speisesaal abzuwischen. Als ich in sein Zimmer zurückkam, lag er tatsächlich auf seinem Bett. Ich dachte, er sei eingeschlafen, denn seine Augen waren geschlossen und sein Kopf war zur Seite gedreht. Ich schüttelte ihn, um ihn zu wecken. Erst sanft, und als er nicht reagierte, immer heftiger. Ich rief mehrmals seinen Namen. Schließlich bemerkte ich, dass ich eine Leiche schüttelte. Der Tod war auf leisen Sohlen ins Zimmer geschlichen, niemand hatte ihn bemerkt. Sein Zimmergenosse saß noch am Fenster, und ich musste ihm erklären, dass der Mann, mit dem er sich in den letzten Monaten angefreundet hatte, gerade gestorben war. Dieser gestandene Handwerkermeister hat in meinen Armen geweint.
Am nächsten Morgen gab die Oberschwester im Speisesaal den Tod des Patienten bekannt. Es herrschte wie immer in dieser Situation eine Stimmung, die mir Begriffe wie „Todesroulette“ oder „Todestrakt“ in den Kopf schießen ließ. Jeder Satz, den die Oberschwester sprach, wurde von den Patienten andächtig murmelnd wiederholt. Sie wurden sich plötzlich ganz klar ihrer Situation bewusst: Jeder von ihnen konnte der Nächste sein, auch der Gesündeste. Niemand konnte sich selbst von diesem tödlichen Spiel ausschließen. An welchem Tisch des Speisesaals, in welchem Zimmer der Station würde der Tod beim nächsten Mal zuschlagen? Noch waren sie lebende Menschen voller Geschichten, doch eines Tages würden wir mit ihnen verfahren müssen wie mit dem alten Mann am Abend zuvor: Augen zudrücken, waschen und gegebenenfalls rasieren, den Unterkiefer mit Leukoplast hochbinden, den Körper gerade hinlegen (damit er nach Eintreten der Leichenstarre in den Sarg passt), Hände ineinander legen, den diensthabenden Arzt wegen des Totenscheins holen und das Bestattungsinstitut informieren.
Herr Schmidtke war 85 Jahre alt, stammte aus Berlin und hatte als Hausmeister gearbeitet. Wenn seine Frau zu Besuch war, zeigte er mit seinem krummen Zeigefinger auf mich und krächzte: „Mein Pfleger“. So wie er es sagte, hatten diese Wörter nichts mit Besitz oder Herrschaft zu tun, sondern waren eine Auszeichnung, ein Privileg. Es hob mich aus der Belegschaft heraus. Niemand konnte den übellaunigen Alten leiden, der fast nur noch im Bett lag und über alles schimpfte. Mit diesem Kasernenhoftonfall eines Berliner Hausmeisters, der sein Leben lang das Gemecker der Mieter zu ertragen hatte und das Geschmiere unbekannter Lausbuben (das Wort „Graffiti“ kannte er nicht) entfernen musste. Er war nicht laut, aber ausdauernd. Wenn er aus dem Speisesaal mit dem Rollstuhl zurück ins Bett gebracht werden wollte, rief er so lange meinen Namen, bis ich endlich kam. Aber irgendwie haben wir uns großartig verstanden. Wenn wir alleine waren, redete er ganz offen mit mir über seine Vergangenheit, selbst über Sex. Das hätte ich einem alten Opa wie ihm nie zugetraut.
Morgens habe ich ihn gewaschen und angezogen. Wenn ich ihn in den Rollstuhl setzte, bekam er regelmäßig Erstickungsanfälle, bei denen er sich in seltsamen Zuckungen wand und die Augen verdrehte. Ich hielt ihn dann fest, klopfte auf seinem Brustkorb herum, schrie ihn an und gab ihm auch Ohrfeigen, um ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Sein Blick ging durch mich hindurch, es war, als blickte er in unsichtbare Ferne. Hatte man ihn endlich soweit, dass er mit einem schwachen, langgezogenen „Ja“ antwortete und somit kundtat, dass er in meine Realität zurückgekehrt war, hörte es sich an, als käme der Laut aus einer großen Tiefe. Es war richtig unheimlich und ich dachte jedes Mal, nun sei das Ende gekommen. Aber dann lebte er doch wieder einen ganzen Tag. Eines Morgens jedoch weigerte er sich, in den Rollstuhl gesetzt zu werden. Er konnte kaum noch sprechen und ich gab ihm aus einer Schnabeltasse zu trinken. Als er fertiggetrunken hatte, drückte er meinen Oberarm und flüsterte: „Du bist mein Freund“. Das waren seine letzten Worte.
Gegen zwölf Uhr ging ich mit der Oberschwester in sein Zimmer, um seinen Kopfkissenbezug zu wechseln, da er stark schwitzte. Seine Frau saß an seiner Seite. Wir wechselten den Bezug und legten ihn von der Seitenlage in die Rückenlage. Die Oberschwester hielt seine Hand und sprach beruhigend auf ihn ein, aber er reagierte nicht. Das bläulich-weiße Gesicht wirkte eingefallen, wächsern. Er hatte zwar die Augen geöffnet, doch er schien nichts zu sehen. Wir wussten, dass es mit ihm nun zu Ende gehen würde. Die Oberschwester trat zur Seite und stellte sich links neben das Bett, Frau Schmidtke stand zur Rechten und hielt die Hand des Sterbenden, ich stand am Kopfende des Bettes. Er atmete stoßweise und rasselnd, die ganze Zeit blickte er auf einen imaginären Punkt schräg über mir. Die Oberschwester wiederholte immer wieder die Worte „und atmen“. „Und atmen“ – „und atmen“ – dann atmete er wieder. „Und atmen“ – „und atmen“ – jedes Mal ein geröchelter Atemstoß. Auf einmal hörte er auf zu atmen. Der Glanz seiner Augen wurde schwächer, sie flackerten und mit einem langsamen Senken der Lider verloren sie alles Menschliche. Es dauerte nur eine Sekunde, aber es war ein beeindruckender Moment.
Die Oberschwester wartete noch eine Minute, man hörte währenddessen nur das leise Schluchzen der Ehefrau, dann drückte sie ihm die Augen endgültig zu. Wir standen einfach da, alles um uns herum war vergessen. Es war, als sei in diesem Augenblick die Welt stehen geblieben. Und dann geschah etwas sehr Seltsames: Er begann wieder zu atmen, ein paar flache Atemzüge, kaum wahrnehmbar. Als ob er sich gegen den Tod oder besser: gegen das vorzeitige Zudrücken der Augen, dieses Symbol des Endes, wehren wollte. Sein Körper bäumte sich noch einmal auf und es war, als wollten seine ausgestreckten Arme nach mir greifen. Dann fiel er zur Seite und verzog das Gesicht, als wollte er weinen. Er war endgültig tot. Die Oberschwester betete mit Frau Schmidtke und ich wurde losgeschickt, um die Totenbahre aus der Leichenkammer zu holen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man aus dieser Stille, aus diesem mit Ehrfurcht erfüllten Raum, in den gerade der Tod gekommen ist, wieder hinaus in den Stationsalltag tritt.
Einige Tage später in diesem Sommer des Jahres 1986 hatte ich einen Traum: Ich stand an Herrn Schmidtkes Bett, als plötzlich der Tod herein kam. Ich sah ihn nicht, denn er stand in einer Ecke des Zimmers, der ich den Rücken zugekehrt hatte, und ich hatte Angst mich umzudrehen. Herr Schmidtke fuhr in seinem Bett auf und umklammerte mich. Dabei war sein Gesicht vor Entsetzen verzerrt, Mund und Augen standen weit offen. Der Tod kam näher und ich hatte plötzlich das beängstigende Gefühl, er wolle nicht nur Herrn Schmidtke, wie ich bisher angenommen hatte, sondern auch mich mitnehmen. Ich hatte große Furcht, denn der alte Mann umschlang mich mit ungeahnten Kräften und schien mich nicht mehr loslassen zu wollen. Dann erwachte ich aus dem Alptraum.
P.S.: Zur Exegese empfehle ich das Allegretto der siebten Symphonie von Ludwig van Beethoven. http://www.youtube.com/watch?v=upGp843o0iA

Kommentare:

  1. Was für ein sensationell guter Text. Ich bin jetzt ziemlich geplättet. Danke.

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  2. Ich lese in letzer zeit viel Blogs zu vielen Themen. deine Texte stechne hervor, sprachlich toll und inhaltlich berührend. Außerdem weisst Du zu Vielem etwas zu sagen. Dieser Text ist trotz oder insbesondere wegen seines Themas besonders berührend. danke und auf hoffentlich noch viele Weitere...

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  3. Sehr schön, ich hatte nach dem zweitem Absatz das erste mal Tränen in den Augen. Ergreifend und schön geschrieben.
    Danke

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  4. " Vier Wochen hat dieser Mensch Tag und Nacht die Station zusammen geschrien, bis sie endlich von ihren Qualen erlöst war. Wir alle waren erleichtert, als es vorbei war, aber wir mussten lange warten. Jeder von uns hätte ihr gerne das Kissen aufs Gesicht gedrückt, aber wir sind nicht der Tod. Der Tod muss kommen."

    Fast konnte ich nicht weiter lesen, so empörte mich diese so selbstverständlich berichtete Geschichte. Man muss also hierzulande damit rechnen, vier Wochen lang vor Schmerzen zu schreien... in gut überwachten Alten- und Pflegeheimen!
    (Dem Personal, dass am liebsten das Kissen zur Schnelltötung nutzen würde, mache ich keine Vorwürfe. Vermutlich sehen sie keine Alternativen. ) Das ist doch schier unglaublich! Es gibt doch Schmerz-Medikation, die zur Not bis zur Bewusstlosigkeit gesteigert wird... warum zum Teufel ist so ein Leiden offensichtliche "normal"?

    Auch die weiteren Geschichten haben mich sehr berührt! Meine Vorstellung übers Alter und hohe Lebensalter beinhalten den Gedanken, soweit es geht, im Modus des Gebens zu bleibeen. In einem Pflegeheim ist es für alle vermutlich viel angenehmer, wenn man eine "interessante Alte" ist - die Pflerger/innen sich also mental nicht leiden, wenn sie ihren Verrichtungen nachgehen....

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    1. WORD! Mir ging es genauso. 2014 müssen sich Menschen noch zu Tode quälen, eine Schande

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    2. Ups...sorry...das war 1986...trotzdem ändert es nichts..

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