Montag, 21. April 2014

Brasilien, Teil 1

Wir sind alle Stadtmenschen, ob wir in Berlin oder in Schweppenhausen leben. Das ist mir vor zwanzig Jahren im brasilianischen Dschungel klar geworden. Ich war mit einem Freund und einem einheimischen Führer im Urwald unterwegs. Und wenn du am Amazonas im Wald bist, dann ist das etwas anderes, als wenn du durch den Grunewald gehst. Kein Weg, keine Schilder und die Bäume stehen so dicht, dass du höchstens zehn Meter weit sehen kannst. Selbst den Himmel siehst du nicht, du siehst einfach nur Wald, sonst nichts. An einer Stelle machten wir Rast und der Brasilianer sagte zu uns, wir sollten kurz auf ihn warten. Er wolle nur eine Flasche Zuckerrohrschnaps holen, die er an einem Bach versteckt habe, und sei gleich wieder zurück. Einen Augenblick später war der Mann verschwunden. Wir standen da und warteten. Wir plauderten, die Minuten vergingen. Wir hatten bald nur noch ein Thema: Was wäre eigentlich, wenn der Typ nicht mehr zurück käme? Wir kannten uns im Urwald nicht aus, wir hätten niemals den Rückweg gefunden. Wir wussten noch nicht mal, welche Pflanzen man essen kann und welche nicht. Wir waren vollkommen hilflos. Wir hätten nicht lange überlebt. So einsam habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Wir waren Stadtmenschen, die plötzlich allein in der Natur sind. Und wir waren sehr erleichtert, als unser Führer zurück kam und wir einen kräftigen Schluck aus der Flasche nehmen konnten.
Es war eine tolle Reise. Eine Woche auf einem kleinen Kutter im Labyrinth der Nebenarme des Amazonas. Apocalypse Now nix dagegen. Das Beste von den insgesamt drei Monaten, die ich während meiner vier Reisen in Brasilien verbracht habe. Abends saßen wir in der Dschungelkneipe, einem Floß mit einer Holzhütte. Statt Coca-Cola-Reklame hing ein Malaria-Warnschild an der Wand. Kein anderes Gebäude im Umkreis von vielen Kilometern. Wir saßen bei Sonnenuntergang vor dem Eingang und sahen den Caboclos zu, den ortsansässigen Halbblutindianern, wie sie in ihren Kanus zur Kneipe ruderten und anlegten. Alle tranken Bier. Eiskaltes Bier aus großen Flaschen, die man miteinander teilt. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Brasilianer eine Caipirinha trinkt. Ein liebenswertes und gastfreundliches Volk von Biertrinkern. Als wir eines Abends die letzten Gäste waren, schaltete der Wirt den Dieselgenerator aus. Das Zeichen, dass man demnächst sein Bier ausgetrunken haben sollte, weil er Feierabend machen wollte. Kein Licht und keine Musik mehr. Bossa Nova, Lambada und Trallala waren plötzlich weg und du hast den Wald gehört. In der Dunkelheit hört man ohnehin viel besser. Du sitzt da und lauscht auf die vielen unterschiedlichen Stimmen der zahllosen Tiere. Weiter weg von deinem deutschen Alltag kannst du nicht sein.
P.S.: Gleich geht es mit einem Mann, der in drei Bands Gitarre spielt (Dan Tanner, Tijuana Taxi, Shit Shakers), als sei der Leibhaftige in ihn gefahren, hinaus in die Wälder. Ich habe „Der lachende Vagabund“ von Fred Bertelmann als Musikstück ausgewählt. http://www.youtube.com/watch?v=6ZNxndt6qvk

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