Montag, 17. Januar 2011

Joseph Roth

Joseph Roth hat seinen „Radetzkymarsch“ in „Mampes Gute Stube“ auf dem Ku‘Damm zwischen Joachimsthaler Straße und Gedächtniskirche geschrieben, gelebt hat er oft in einem Hotel am Bahnhof Zoo. In der Kneipe leben, in der Kneipe schreiben …
Derzeit lese ich seine Biographie und stelle natürlich auch Vergleiche an, selbst wenn es albern erscheint. Aber ich habe genug Jahre auf dem Buckel, um nach Parallelen zu suchen (und mich dabei freilich in viele Parallelen hineinträume). Da ist zunächst mal das Alter, das Roth interessant macht. Er hat seinen 45. Geburtstag nicht mehr erlebt, ich kann im Sommer 45 Jahre alt werden. Er trinkt und schreibt, das tue ich auch. Allerdings trinkt er mehr und schreibt besser. Er ist aus einer weit entfernten Provinzkleinstadt in die große Stadt gegangen, arbeitet zugleich als Journalist und Schriftsteller. Gescheiterte Liebe, keine Kinder. Da kommt einiges zusammen.

Ein Einzelgänger, der einen großen Freundeskreis hat und im Wirtshaus erst richtig auflebt. Der Alkohol wiederum als Droge der Einzelgänger. Der Wechsel aus Aufnehmen (das Material der Stadt: die Geschichten, die Orte, die Sinneseindrücke) und Äußern (Text). Grundsätzliche und innere Einsamkeit - auch im größten Trubel - als Voraussetzung der Entäußerung. Das Schreiben als einzig mögliche Form der Mitteilung ...

Schon klar, mein Freund! Aber ich bin an einem Punkt, an dem ich mich frage, warum ich anderen Menschen überhaupt Geschichten schreiben soll. Wem hätte ich etwas mitzuteilen? Einsamkeit wird mir immer mehr zum Genuss, zum vollendeten Zustand. Allein, frei, geborgen - ein Tag zu Hause ohne Termine und Gespräche. Das Leben eine Kette schöner Tage, ohne die Arbeit an irgendwelchen nutzlosen Texten, ganz nebenbei Roth altersmäßig passierend, auf dem Weg zu neuen Helden. Wie alt wurden eigentlich Schiller und Pessoa?