Montag, 15. November 2010

Zwischen Gleimstraße und Millionenbrücke - eine Tour mit „Nächste Ausfahrt Wedding“

Rolf Gänsrich ist ein Urberliner und arbeitet als Hörfunkmacher und Autor im Prenzlauer Berg. Als er am Nachmittag des 30. Oktober bei Kaiserwetter vor dem Kino Collosseum an der Schönhauser Allee auf die Teilnehmer seiner Tour wartet, staunt er nicht schlecht, als schließlich knapp dreißig interessierte Menschen vor ihm stehen. Es sind vorwiegend Einheimische und in den folgenden zwei Stunden werden seine profunden Ortskenntnisse immer wieder durch Anekdoten der Kiezbewohner illustriert. Begleitet wird der Berlin-Scout von Tanja Kapp, die gemeinsam mit Lothar Gröschel das Projekt „Nächste Ausfahrt Wedding“ zum Leben erweckt hat.
Die Reise durch Berlin zwischen Gleimstraße und Millionenbrücke, vom Kaiserreich bis ins 21. Jahrhundert beginnt am einstigen „Boulevard des Nordens“ und „der“ Einkaufsstraße der DDR schlechthin. Um die Ecke, in der Gleimstraße, stehen wir kurz darauf vor einigen alten Pferdeställen, die in einem Hinterhof die Zeit überdauert haben. Ein paar Häuser weiter, in der Nummer 42, lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Joseph Weißenberg, ein berühmter Heiler und Religionsreformer. Er behandelte die Menschen durch Handauflegen und gründete die Johannische Kirche, die bis heute besteht. Bald darauf sind wir in der Kopenhagener Straße, wo sich ein altes Umspannwerk in Ateliers und Lofts für Kreative verwandelt hat. Daneben ein heruntergekommener Plattenbau aus der DDR-Zeit, malerisch mit überfülltem Aschenbecher auf der Fensterbank, in dem sich früher eine Meldebehörde der Elektrizitätsbetriebe befand.
In Berlin kann man die bewegte deutsche Geschichte noch sehen, beispielsweise an den Einschusslöchern an einem wilhelminischen Gymnasium in der Ystader Straße, das in der Weimarer Republik nach Heinrich Schliemann und im Dritten Reich nach Horst Wessel benannt wurde, in dem in der DDR Medaillenhoffnungen gedrillt wurden und heute die “Grundschule am Falkplatz” zu Hause ist. Neben den sichtbaren gibt es auch die unsichtbaren Narben der Stadt: Der Ort, bis zu dem man als DDR-Bürger in der Gleimstraße gehen durfte, bevor man den Grenzanlagen zu nahe gekommen war, ist leicht an einer alten Kastanie zu erkennen - die jüngeren Bäume bis zum Gleimtunnel wurden erst nach dem Mauerfall gepflanzt. Im Mauerpark erklärt Rolf Gänsrich, wo die Mauer stand und zeigt Reste der Hinterlandmauer und des Postenwegs, bevor wir uns durch den Wedding zur Swinemünder Brücke - die auch Millionenbrücke genannt wird - bewegen, die den Schlusspunkt einer spannenden Reise durch Zeit und Raum bildet.