Sonntag, 3. Oktober 2010

You only tell me you love me when you're drunk


Ein Gedanke noch zur deutschen Einheit, dann wenden wir uns wieder wichtigeren Dingen zu wie beispielsweise dem EM-Qualifikationsspiel im Berliner Olympia-Stadion: Wieso redet man in Sachen Einheit immer nur von den Ossis? Das ganze Fernsehprogramm heute sieht aus, als hätte der MDR die Weltherrschaft übernommen. Unsere Ossis! Wie geht es ihnen denn? Fühlt er sich wohl, der Ossi? Hat er genug Futter? Glänzt das Fell auch schön? Es sind aber nur zwanzig Prozent der Bevölkerung Ossis. Was macht eigentlich der Wessi (and by the way: der Migrant)? Was hatte der von der Einheit? Cindy aus Marzahn.

Im übrigen wird ja das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen völlig falsch interpretiert. Man schaue sich mal andere Länder an: In Spanien können sich Katalanen, Kastilier und Basken nicht leiden, in Großbritannien die Schotten und die Engländer, in Italien und Frankreich Norden und Süden. Der unmittelbare Nachbar ist immer der schlimmste Feind. Kenne ich vom Rhein: Köln gegen Düsseldorf, Mainz gegen Wiesbaden. Das geht runter bis auf Dorfebene. Auf meinem Gymnasium wurde die jahrhundertealte Feindschaft zwischen zwei Nachbardörfern noch liebevoll gepflegt: Die Kinder der gleichen Jahrgangsstufen kamen in unterschiedliche Klassen, auf dem Schulhof standen sie in verschiedenen Ecken. Ich kenne bis heute lokale Feindschaften, dagegen sind Israelis und Palästinenser richtig dicke Freunde. Wären Ost- und Westdeutsche, Nord- und Süddeutsche, Badener und Schwaben, Bayern und Hanseaten, Thüringer und Sachsen ein Herz und eine Seele - ich würde mir direkt Sorgen machen.

Zu einem lebendigen Familienleben gehören Freud und Leid, Streit und Versöhnung, Liebe und Hass (sowie wohltemperierte Hassliebe), wir lachen zusammen bei Hochzeiten und wir heulen zusammen bei Beerdigungen. Der Osten und der Westen sind in dieser Hinsicht wirklich ein siamesisches Zwillingspaar der besonderen Art, denn sie sind erst lange nach ihrer Geburt zusammengewachsen.