Samstag, 7. August 2010

Die Insel


Je näher ich der Insel kam, desto unruhiger wurde ich. Mein Auftrag war nicht genau definiert und ich hatte keinerlei Informationen über die Situation, die mich erwarten sollte. Die Besatzung der kleinen Station war seit vergangenem Sommer hier und meldete sich nur routinemäßig via Internet bei der Basis auf dem Festland. Alle drei Monate warf ein Versorgungsflugzeug eine Palette mit Konserven, Medikamenten und anderen Dingen des täglichen Bedarfs per Fallschirm ab.

Die Silhouette der Insel war durch die Doppelspitze eines Berges im Westen geprägt, dessen Steilhang von Gischt und Wellen umspült wurde. Nach Osten war eine langgestreckte Ebene zu erkennen, deren Mitte bewaldet war. Insgesamt war die Insel etwa sieben Kilometer lang und drei Kilometer breit. Die Lage der Station kannte ich nicht genau. Der Strand war leer, als ich den Motor stoppte und den Anker ins graue Meerwasser warf. Es war kühl und ich zog meine Windjacke an. Ich ließ das kleine Schlauchboot zu Wasser und ruderte die letzten Meter ans Ufer. Dort zog ich das Boot auf den Sand und sah mich um: Keine Fußspuren, keine Zeugnisse menschlichen Lebens.

Hinter dem breiten Sandstrand gab es einige Dünen, die mit Strandhafer bewachsen waren. Dahinter standen ein paar niedrige windzerzauste Bäume. Es schien, als würden sie mich aus den tiefen Löchern in ihrer Rinde anfunkeln. Ich ging weiter in Richtung des Waldes. Eine rote Plastiktüte wehte raschelnd an meinen Füßen vorbei. Alles war seltsam tot, keine Vögel waren zu hören. Im Wald blieb der Boden sandig, auch wenn er an manchen Stellen mit einem dicken Pelz von Kiefernnadeln bedeckt war. Über mir rauschte der Wind in den Wipfeln der Bäume. Nach einer halben Stunde kam ich an einen Trampelpfad, auf dem sich undeutlich Fußspuren abzeichneten. Ich folgte dem Weg nach links und stand bald darauf vor den Sperrholzwänden der Station, die auf einer Lichtung errichtet worden war.

Niemand war im Inneren. Auf dem Boden fand ich verblichene Kleidungsstücke, die zerstreut herumlagen. Auf einem Schreibtisch lagen Stapel von Papieren, teils zerrissen oder zerknüllt. Im Vorratsraum standen palettenweise Konserven, die noch nicht ausgepackt waren. Ich ging um die Station herum, aber ich konnte niemanden entdecken. Möglicherweise war die Besatzung an den Messgeräten, die über die Insel verteilt aufgebaut waren. Ich verließ die Station und ging in Richtung des Bergrückens weiter. Am Fuße des Berges war dichtes Dornengestrüpp, so dass ich nur mühsam vorwärts kam. Nachdem ich etwa dreihundert Meter den Hügel hinauf gekrochen und gelaufen war, lichtete sich das Gestrüpp und gab den Blick auf eine Höhle frei. Ich zögerte einen Augenblick, dann ging ich hinein. Sie war nicht sonderlich groß, hinter einem Felsvorsprung entdeckte ich jedoch einen Gang, der in die Tiefe führte. Ich holte meine Taschenlampe aus der Jackentasche und folgte ihm.

Nachdem ich etwa zehn Minuten den Windungen des Ganges nach unten gefolgt war, kam ich in eine große Höhle. In einer Nische war der Boden von Sand bedeckt, in dem ich den Abdruck eines menschlichen Körpers zu entdecken glaubte. An zwei Stellen gab es weitere Gänge und ich entschied mich für den rechten, der allerdings kurze Zeit später an einer Felswand endete. Also nahm ich den anderen Weg. Bald darauf hörte ich Klopfgeräusche. Je näher ich kam, desto lauter wurden sie. Rhythmisches Klopfen, langsam und gleichmäßig. Nach einigen Wendungen des Höhlengangs sah ich ihn vor mir: Er hatte wildes schwarzes Haar und ein dreckverschmiertes Gesicht. Offenbar hatte er mich nicht bemerkt, denn er arbeitete unverdrossen weiter an der Erweiterung des Gangs.

„Hallo!“
Er drehte sich mit einem Ruck um und sah mich mit panischem Entsetzen an. Ihm stockte der Atem und er ließ Hammer und Meißel fallen.
„Ich bin gekommen, um die Station zu besuchen.“
Er starrte mich ungläubig an und begann zu zittern.
„Wo sind denn die Anderen?“
Er fasste sich mit verkrampften Händen an die schmutzige Brust, die von einem zerschlissenen Hemd bedeckt war.
„Können Sie mich verstehen?“
Ich trat näher an ihn heran. Er sackte zu Boden und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.
„Was ist denn passiert?“

Ich beugte mich zu ihm hinunter. Es war nur noch ein leises Wispern, kaum zu verstehen: „Alle ... tot. Sie haben ... alle geholt. Muss ... hier weg. Weg ...von ...hier.“ Dann starb er.