Montag, 23. März 2009

Ein Tierleben


Es ist eine Beobachtung, die ich nicht widerlegen kann: Meine Wohnung wird immer größer. Als ich in diese Wohnung einzog, hatte ich das Gefühl, sie genüge nur knapp meinen persönlichen Ansprüchen. Ein Zimmer, Küche, Bad, dazwischen ein quadratischer Flur als Verteiler. Es sollte nur ein Anfang sein, ich träumte von großen Wohnungen, langen Zimmerschluchten, in denen riesige hohe helle Räume aufeinander folgen würden. Wohnungen wie in Kinofilmen, unübersichtlich, mit mehreren Bädern und Gästezimmern, mit riesigen Küchen, in denen man Parties feiern konnte. Jetzt krieche ich müde vom Schreibtisch zum Bett, die Wege sind weit und überdies nutzlos. In die Küche und ins Bad komme ich nur noch, wenn ich wirklich muss. Die Größe der Wohnung kostet mich Kraft, eine Kraft freilich, die täglich schwindet.

Als ich noch ein Arbeitstier war, habe ich natürlich auch nur das Notwendigste erledigt. Das waren damals allerdings weite Wege gewesen! Aus dem Haus, durch Straßen und über Plätze, bei jedem Wetter, bis ich das Bürohaus erreicht hatte. Auf dem Rückweg alle möglichen Erledigungen, Bank, Post, Einkäufe und Versammlungen. Heute kann ich das wenige, das mir geblieben ist, kaum bewältigen. Den wöchentlichen Gang zum Supermarkt und zu den Mülltonnen, die üblichen Schluck-, Verdauungs- und Ausscheidungsbewegungen eines kleinen Haushalts. Aus der gegenwärtigen Perspektive ist es mir unerklärlich, wie ich damals sämtlichen Anforderungen genügen konnte. Aber offensichtlich konnte ich es ja nicht, denn heute sitze ich in dieser täglich wachsenden Wohnung und bin kaum in der Lage, die Gewaltmärsche ins Küchengebiet zu bewältigen, das meinem Bett am fernsten liegt. Schon auf dem Weg dorthin träume ich davon, meinen schweren Leib auf den Dielen des Flurs zu lagern, um ein wenig auszuruhen. Ich mache mir ernsthaft Gedanken darüber, die Wege zu verkürzen, indem ich den Kühlschrank und eine mobile Chemietoilette direkt neben dem Bett postiere.

Ohne dass sie es wüssten, haben mich meine Nachbarn auf einen Gedanken gebracht: Die Wohnung wächst gar nicht – wie könnte denn eine aus aufgetürmten Backsteinen bestehende Wohnung auch wachsen? -, sondern ich bin es, der unaufhörlich schrumpft. Ich werde immer kleiner, bis zur Unsichtbarkeit klein werde ich. Und genau darum grüßt man mich auch nicht mehr. Nicht aus Bosheit, nicht aus Standesdünkel, nicht aus Verachtung dem Nichtarbeitstier gegenüber, nicht aus großstädtischer Achtlosigkeit hat das Grüßen aufgehört, nein, man übersieht mich einfach. Ich lebe doch nicht unter bösen Menschen, ganz im Gegenteil. Ich kenne die Nachbarschaft als ausgesprochen wohlmeinend und warmherzig, hier gibt es gegenseitiges Verständnis und einen würdevollen Umgang mit jedem Gast aus der Fremde.

Ich habe einen Beschluss gefasst: Ich werde in den kleinen Keller ziehen, der zu meiner Wohnung gehört. Die Wohnung ist einfach zu groß für mich geworden. Ich verdiene diese große Wohnung eigentlich auch nicht. Ich werde die Haustür offen lassen, wenn ich gehe. Sollen andere hier einziehen, sie können die Wohnung sicher besser brauchen als ich. Es ist mühselig geworden; um die Türklinke zu erreichen, muss ich einen Stuhl heran schleppen. Im Keller werde ich mich wohlfühlen, er hat sechs Quadratmeter, das ist völlig ausreichend für mich. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass auch dieser Keller eines Tages zu groß für mich sein wird. Aber vielleicht hat dieser Keller ja ein Mauseloch. Dann werde ich dort einziehen. Ich brauche nur wenig, sicher werde ich niemandem zur Last fallen.