Dienstag, 6. Januar 2009

Auf der Durchreise

Es regnete seit Stunden und er hatte nicht den Eindruck, als würde es jemals wieder aufhören. Die Scheinwerfer seines Wagens schnitten nur kleine Stücke aus der Finsternis und er reagierte viel zu spät auf das Kaninchen. Er konnte dem Tier noch ausweichen, aber er geriet mit einem Rad in den Straßengraben und so war die Fahrt in dieser Nacht vorbei.

Nach einigen Minuten, die er am Straßenrand entlang gegangen war, nahm er ein winziges flackerndes Licht wahr. Rechts der Straße, etwa hundert Meter entfernt, mußte ein Haus sein. Er bog in einen schmalen Feldweg ein und bald stand er vor einem großen flachen Gebäude. Da er völlig durchnäßt war, klingelte er ohne nachzudenken. Eine ältere Frau in einem schmucklosen Kittel öffnete ihm.

„Was wollen Sie?“

„Guten Abend. Ich hatte eine Autopanne und habe ihr Licht gesehen. Können Sie mir helfen?“

Ein schmales Lächeln war in ihren Mundwinkeln zu erkennen. „Aber natürlich. Kommen Sie hinein.“

Er tropfte vor Nässe und fuhr sich durch das schwarze Haar. Das Wasser lief seinen Rücken hinunter. „Gibt es irgendwo eine Ortschaft und eine Autowerkstatt?“

„Um diese Uhrzeit werden Sie wohl nicht mehr weiterkommen, selbst wenn Sie noch die Werkstatt anrufen würden. Ich gebe Ihnen erst mal ein Handtuch.“

Sie verschwand aus dem Hausflur. Er sah sich um. Durch eine andere Tür, die offen stand, sah er einen großen Schreibtisch, auf dem sich Aktenstapel türmten. Im Zentrum eines Trichters aus verschiedenfarbigen Aktendeckeln stand der graue Monitor eines Computers.

Sie kam mit einem hellblauen Handtuch zurück und reichte es ihm mit einem Lächeln. „Wollen Sie einen Tee? Ich habe gerade welchen gekocht. Kommen Sie!“

Er folgte ihr, während er sich den Kopf trocken rieb, in den angrenzenden Raum, aus dem sie gekommen war. Es überraschte ihn, daß er in einen großen schmucklosen Raum kam, in dem einigen Gefängniszellen mit offenen Gittern waren. Er schaute die Frau überrascht an.

„Dies ist das Haus des Protektors. Ich bin seine Frau“, erklärte sie ihm.

„Protektor? Was ist das?“ fragte er.

„Sie wissen nicht, was ein Protektor ist?“ fragte sie zurück und ihr Lächeln verschwand.

„Ehrlich gesagt nicht.“

„Die Protektoren sind für die Sicherheit in diesen abgeschiedenen Gegenden zuständig. Sie müssen von weit herkommen, wenn Sie das nicht wissen. Die Protektoren sind hier so etwas wie die Polizei und das Gericht. Aber zum Glück passiert nicht allzu viel.“ Sie reichte ihm eine Tasse dampfenden Tees.

Er trank behutsam einen Schluck und blickte auf die leeren Zellen. „Dann brauchen Sie diesen Raum ja nicht allzu oft?“

„Richtig. Aber gerade heute hatte mein Mann einen Landstreicher aufgegriffen, der sich in unserer Gegend herum trieb.“

„Wo ist er denn jetzt?“

Ihr Blick verfinsterte sich und sie sah an ihm vorbei, als sie antwortete: „Er ist geflüchtet. Ich hatte gerade die Zellentür geöffnet, als ich ihm das Abendessen hineinbringen wollte, da ist er an mir vorbei gestürmt und aus dem Haus gerannt. Mein Mann ist jetzt auf der Suche nach ihm, deswegen bin ich alleine hier.“

„Na, dann wünsche ich Ihrem Mann viel Glück bei der Verfolgung. Meinen Sie, daß ich hier übernachten kann?“ Der Tee tat ihm wirklich gut.

„Das dürfte kein Problem sein. Sie können in einer der Zellen schlafen.“ Sie überlegte und lächelte dann wieder auf ihre schüchterne und unauffällige Weise. „Die Zellentür lasse ich natürlich offen.“

Er machte es sich in einer der Zellen so bequem, wie es ging. Die Pritsche war gepolstert und mit Kunststoff überzogen. Das nasse Hemd und die schmutzige Hose hatte er ausgezogen, eine graue Decke wärmte ihn und so schlief er bald ein. Der Morgen dämmerte schon, als ihn der Strahl einer Taschenlampe weckte.

„Wen haben wir denn da?“

Er konnte nichts erkennen, aber er hörte die Stimme der Frau, die antwortete: „Dieser Mann ist heute hier hergekommen. Ich habe ihn hier übernachten lassen.“

„Das trifft sich gut. Ich habe den Landstreicher nämlich nicht mehr gefunden. Die Meldung an die Zentrale ist aber gestern schon raus gegangen.“

„Meinst du, wir bekommen deswegen Ärger?“

„Wahrscheinlich. Wir müssen uns was einfallen lassen.“

„Wenn es nur keinen Ärger gibt. Wir haben so ein ruhiges Leben.“

„Sieh ihn dir nur an. Er hat die Größe, das Alter, die Haarfarbe und die Statur des Landstreichers. Weißt du was? Wir melden ihn an die Zentrale.“

„Meinst du, das geht gut?“

„Natürlich. Wir werden den Gefangenen morgen abholen lassen. Ich denke mir noch ein paar Geschichten aus, die ich in den Bericht schreibe. Dann bekommen wir eine Extra-Gratifikation für seine Ergreifung. Hast du seine Papiere?“

„Die waren in seiner Hose, die er mir zum Trocknen gegeben hat.“

„Die werden wir vernichten. Die Papiere des Landstreichers haben wir ja noch. Sein Auto habe ich gesehen, darum wird sich Paul kümmern.“

„Du bist einfach großartig!“

Die Zellentür fiel krachend ins Schloß und die Taschenlampe erlosch.

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